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Haibun

Short Stories



                   
Haibun

Schwarze Rosen

Ihr Blick gleitet vom Rückspiegel über die Amaturen, als sie in die Burgstraße einbiegt.  Kurz vor vier nachmittags.

Die Uhr tickt
lauter
als sonst

Über den rechten Bürgersteig schiebt ein Mann seinen Abfalleimer Richtung Hauseingang Nummer sechs.  Noch ein Stückchen.  Ist dort nicht eine Parklücke frei?  Einparken vorwärts, eine leichte Übung.  Den Rest wird sie gehen.  Sie stellt den Motor ab, löst den Gurt und angelt nach den Pumps im Beifahrerfußraum.  Ihre Hände werden feucht.  Sie nimmt die Rosen vom Sitz und begutachtet sie kritisch.  Den Korb würde sie erst später holen.
Es hatte geregnet und war nicht mehr ganz so heiß wie häufig Anfang August.  Doch die Sonne scheint und wird die kleinen Pfützen und feuchten Sträucher, an denen sie mit ihren Pumps vorbeiklappert, bald trocknen.  Sie zögert.  Ihre Hand schließt sich fester um den Rosenstrauß. 
Ihre Augen suchen nach dem Ort, an dem er in schwarzem Hemd, schwarzer Hose und schwarzen Schuhen stehen würde.  Sicherlich auch in schwarzen Strümpfen, schwarzer Unterhose und schwarzem Unterhemd, ergänzt sie für sich.

An der Ecke
die Verkehrsinsel
unbemannt.

Sie guckt auf die Uhr und liest das Straßenschild.  Alles richtig.  Nun sieht sie etwas entfernt die Hausnummer zwölf.  Das Datum auf ihrer Uhr ist auch korrekt.  Der dritte und ein Freitag.

Hauptverkehrszeit -
Ein Schmetterlingsschatten
auf dem Bordstein.

Sie starrt in dunkelbraune, junge Augen, die ihr entfernt bekannt vorkommen.  "Tobi", stellt sich Tobi unsicher vor.  "Können Sie mitkommen?  Oma ist gefallen und mein Vater ist von Onkel Argan noch nicht zurück."
"Anna-Maria", sagt sie und folgt den schnellen Schritten des etwa 20jährigen durch das Treppenhaus von Nummer zwölf in die Wohnung der Großmutter.  Er hält die Wohnzimmertür auf und zeigt auf eine alte Frau am Boden neben einem umgefallenen Armlehnenstuhl.  Sie legt die schwarzen Rosen auf dem Tisch ab.  Wegen der verrenkten Gliedmaßen vermutet sie, daß sich die Frau etwas gebrochen haben könnte.  Puls und Atmung sind flach.  "Sie sollte wohl besser in die Klinik", sagt sie.  Er nickt.  Dann ruft er den Notdienst.

Wortlos dehnt sich
zwischen ihnen
die Zeit

Endlich schellt es, und die Rettungshelfer verrichten ihre Arbeit.  Die Stubenuhr auf der Kommode schlägt halbfünf, als die Tür hinter ihnen allen ins Schloß fällt.

Sie findet sich allein auf der Verkehrsinsel wieder.  Dann zurück am Auto

das Handy
auf dem Beifahrersitz
zwei Rosenblätter

Sie läuft mit dem Picknick-Korb und ihrem Handy wieder zu Nummer zwölf und klingelt bei einem beliebigen Hausbewohner.  Der Türöffner summt.

Im Treppenhaus
Fußspuren des Rettungsteams.
Der Putz blättert.

Sie wartet.  Später nimmt sie den schweren Korb, erhebt sich von den Stufen und verläßt das Haus.  Auf dem Weg zum Auto hält sie an der Verkehrsinsel inne.

Ein Zitronenfalter
den Sonnenstrahl hinauf.
Da ist er ja!

Sie schaut geradewegs in die ihr vom Foto so vertrauten dunklen Augen des in schwarz gekleideten Mannes und überreicht ihm den Korb.

© Beate Conrad

                    
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Erstveröffentlichung: "Sommergras", Vierteljahresschrift der Deutschen Haiku Gesellschaft, Nr. 79, September2007

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